Der SPIEGEL: "Hier heißt es: Ran, ran, ran!"

Vorsicht, Vorsicht: Dieses dumme Machwerk ist keineswegs hier, weil wir es so toll finden, sondern weil wir es als Standardsample für den Dummschwätzquotienten brauchen und dabei nicht auf die Gnade des Spiegels angewiesen sein wollten. Deshalb gibts auch keine Bilder. Aber wenn ihr schon mal hier seit, guckt euch doch ein bisschen beim UNiMUT um. Is irgendwie eh gescheiter als nach den großen Karrierechancen Ausschau zu halten. Trust me: Die finden sich eh.


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"Hier heißt es: Ran, ran, ran!"

Welche Uni ist die beste? Nach einer großangelegten Befragung von mehr als 1000 Professoren und 7400 Studenten aus 15 Ländern legt der SPIEGEL die erste Rangliste europäischer Universitäten vor. Hauptergebnis: Deutsche Unis sind zumeist nur Mittelmaß.

Noch sind sie eine kleine radikale Minderheit. Sie verlassen ihre Heimat und studieren irgendwo im Ausland - da, wo einige Universitäten tatsächlich noch das sind, was eigentlich alle sein sollten: effektive, intelligente und faszinierende Unternehmen zur Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten.

Diese jungen Leute - bisher kaum mehr als ein paar tausend in ganz Europa - nehmen sich, was ihnen zusteht, und entzaubern damit eine von der Masse der Professoren gepflegte Legende: die Illusion von der Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit der akademischen Ausbildung.

Caroline Peter, Monika Langthaler und Tomßs Perlines Hormann zählen zu der neuen mobilen Akademiker-Generation. Sie haben die Legende von der Uniformität durchschaut und verhalten sich nach den Regeln des Marktes: Gute Ausbildung, ganz gleich wo in Europa, wird nachgefragt, schlechte wird - irgendwann - zum Ladenhüter.

Caroline Peter, 23, hat sich aus Darmstadt nach Lausanne aufgemacht, um dort Wirtschaftswissenschaften zu studieren. In den ersten Semestern geriet das zu einer wüsten Paukerei, Durchfallquoten von bis zu 60 Prozent sind in der Schweizer Edel-Uni die Regel. Ein Studium in Lausanne erfordere anfangs "sehr viel Kraft", berichtet die deutsche Studentin; nun, im dritten Jahr, fühlt sie sich an der Schweizer Hochschule "sehr wohl".

Monika Langthaler, 32, wechselte von Wien nach London. "Ich bin geschädigt von den österreichischen Unis", gesteht die Studentin. Die Ausstattung der Labore sei veraltet, die Warterei auf Praktika-Plätze allzu zeitraubend. Nach England ist Monika Langthaler schließlich gegangen, weil sie das Fach Umweltmanagement studieren wollte, etwas, was in ihrer Heimat noch gar nicht angeboten wird: "Wir sind in Österreich nicht so rasend auf der Höhe der Zeit."

Tomßs Perlines Hormann, 23, stammt aus Barcelona, hat aber die ersten acht Semester an der Technischen Hochschule Aachen absolviert. Jetzt studiert der angehende Maschinenbauer für ein Jahr in Stockholm. Hormann hat in Aachen "eine Menge gelernt" und genießt nun den unkomplizierten, kollegialen Umgang an der schwedischen TH: Wenn er vor Klausuren Rat brauche, müsse er "nur bei einem Doktoranden oder Lektor anklopfen - und das Problem ist gelöst".

Caroline, Monika und Tomßs bewegen sich im europäischen Bildungsmarkt so selbstverständlich wie keine Generation vor ihnen. Ihre Mütter und Väter machten noch bestenfalls einen kurzen Abstecher ins Ausland, heute lernen und bleiben immer mehr junge Europäer gleich dort, wo Ausbildung und Arbeit locken.

Junge deutsche Ärzte ziehen nach England, weil sie daheim keine Arbeit finden, junge Banker gehen an die Börsen in London und New York, Beamte nach Brüssel und Straßburg. Unternehmen wie Siemens oder SAP locken im Gegenzug Computerexperten aus ganz Europa nach Deutschland, weil die hiesigen Unis nicht genug geeignete Informatiker ausbilden.

Mit der neuen internationalen Mobilität verblassen die nationalen Bindungen. Das Europa des 21. Jahrhunderts wird, wenn denn überhaupt noch von Heimat die Rede ist, mehr und mehr zu einem Europa der Regionen: "Bologna ist für uns näher als Hamburg", erklärte jüngst Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber, und der Christsoziale meinte das nicht nur im Hinblick auf die kürzere Autobahnstrecke.

Stoiber würde lieber heute als morgen aus der bundesweiten Bildungspolitik aussteigen, weil das elende Gerangel um gemeinsame Schul- und Hochschulgesetze für 16 Bundesländer inzwischen jeden Fortschritt blockiert. Da mag bayerische Eigenbrötelei eine Rolle spielen, aber vor allem die Einsicht, daß sich der Freistaat neuen Konkurrenzen stellen muß, einem scharfen grenzüberschreitenden Wettbewerb im Zuge der europäischen Einigung.

Sind Stoibers bayerische Hochschulen also fit für die Konkurrenz mit Bologna, der ältesten Hochschule Europas? Und wie steht es mit den übrigen Universitäten der Bundesrepublik: Können sie mithalten im akademischen Wettstreit der Europäer?

Die deutschen Hochschulen, so zeigt nun die erste SPIEGEL-Rangliste der europäischen Universitäten, sind im internationalen Vergleich zumeist nur Mittelmaß. Stoibers Münchner Juristen, zum Beispiel, liegen klar hinter den Professores aus Bologna. Nur die Kollegen der kleinen Reform-Uni Passau retten die bayerische Ehre: Mit einem respektablen 5. Rang steht die Passauer Jura-Fakultät neun Plätze vor der Konkurrenz aus dem norditalienischen Pavia.

Zweimal schon, 1989 und 1993, hatte der SPIEGEL mit aufwendigen Umfragen die Qualität deutscher Hochschulen messen lassen. Jetzt, im dritten Anlauf, wurden die Unis der Bundesrepublik einem bisher einzigartigen Vergleich mit den führenden Hochschulen aus 14 europäischen Staaten ausgesetzt.

Mehr als 1000 Professoren und etwa 7400 Studenten aus den Staaten der Europäischen Union sowie der Schweiz mußten die Stärken und Schwächen der akademischen Ausbildung beurteilen. Sie wurden nach der Ausstattung der Bibliotheken und Labore gefragt, nach der Kompetenz und Hilfsbereitschaft der Dozenten. Und immer ging es nur um die Qualität der akademischen Lehre. Denn von den Leistungen in der Forschung profitieren Studenten in der Regel wenig.

Die in Zusammenarbeit mit 14 europäischen Meinungsforschungsinstituten durchgeführte SPIEGEL-Studie konzentriert sich auf vier zentrale Fachgebiete, die von fast allen Universitäten Europas angeboten werden: auf Jura und Wirtschaftswissenschaften, Ingenieur- und Sprachwissenschaften. In jedem Fachbereich wurden im Durchschnitt 50 Studenten befragt, so viele wie in keinem Ranking je zuvor.

Daß die Betroffenen - und hier vor allem die Unis auf den Abstiegsplätzen - dieses Verfahren dennoch kritisieren werden, liegt nahe. Ranglisten sind den Verfechtern der Gleichheitsideologie per se verdächtig. Und außerdem: Wer bekommt schon gern die eigene Mittelmäßigkeit bestätigt?

Ein "Ranking", so meinte jedoch kürzlich Bundespräsident Roman Herzog, seien die Deutschen "den Studenten schuldig, die bereits vor Beginn des Studiums wissen" müßten, "wo sie ihre Zeit und ihre Anstrengungen investieren sollen". Selbst wenn sich die Hochschulen verweigerten, sei das Ranking nicht mehr aufzuhalten. Dann, so Herzog, "kommt es eben von außen, zum Beispiel von den Medien".

So ist es. Und einige Bundesländer dürfen sich über die Ergebnisse der neuen SPIEGEL-Studie sogar ein bißchen freuen. 28 deutsche Fakultäten und Fachbereiche nahmen am Europa-Ranking teil - und nicht weniger als 15 stammen allein aus den beiden von der Union regierten Südstaaten Bayern und Baden-Württemberg.

Diverse Bundesländer, darunter Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Rheinland-Pfalz, sind dagegen mit keiner einzigen Hochschule vertreten - kein Akt der Willkür, sondern das Ergebnis einer Professoren-Umfrage an allen deutschen Universitäten. Die Gelehrten mußten nur eine schlichte Frage beantworten: "Welche Universität in Ihrem Land würden Sie Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter empfehlen?".

Das Resultat, ein klares Süd-Nord-Gefälle, spiegelt zunächst einmal die Kassenlage der Nation wider. Zwar müssen auch die Unis in Bayern und Baden-Württemberg ihre Ausgaben kräftig kürzen, doch die Substanz bleibt hier vorerst ungefährdet. Entsprechend wohlwollend fällt der Professoren-Tip für die Süd-Unis aus.

In den strukturschwachen Nord- und Ost-Ländern hingegen werden die Hochschulen regelrecht kaputtgespart. Dramatisch ist die Lage etwa in Berlin. Bis zum Jahr 2003 müssen die Hochschulen der Hauptstadt exakt 1098 Professuren streichen, das soll der Landeskasse rund eine Milliarde Mark einbringen.

Die einst angesehene Freie Universität, so klagt der Politologe Wolf-Dieter Narr, werde von den Politikern "wie ein verfetteter, häßlicher Ochse traktiert", der im Grunde schlachtreif sei. Auch der nach der Wende mit viel Aufwand hochgepäppelten Humboldt-Universität im Osten der Stadt geht es schon wieder an den Kragen. Sie muß von ihren 550 Professuren 82 abgeben. "In fünf Jahren", droht der Humboldt-Präsident Hans Meyer, "haben wir auch keinen Assistenten mehr."

Viele Universitäten - und keineswegs nur die deutschen - sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu Opfern einer merkwürdigen politischen Schizophrenie geworden: Einerseits sollen die Hochschulen immer mehr Studenten ausbilden, weil die Wirtschaft qualifizierte Mitarbeiter fordert, andererseits dürfen die Unis selbst ihr Lehrpersonal aus Kostengründen nicht nennenswert aufstocken.

So liest sich die europaweit vorangetriebene Sozialdemokratisierung der Bildung zunächst wie eine blendende Erfolgsgeschichte: Die Bundesrepublik, Großbritannien und viele andere Nationen haben ihre Studentenzahlen in zwei Jahrzehnten verdoppelt. In Frankreich, zum Beispiel, waren 1985 noch 980 000 Studenten eingeschrieben, heute sind es mehr als 2 Millionen. Die Universität La Sapienza in Rom hält derzeit gar mit 190 000 Kommilitonen den Europarekord.

Parallel jedoch stiegen die Kosten für Gehälter und Investitionen in den Unis ungebremst. Die Finanzminister zwangen den Wissenschaftsministern radikale Einsparungen auf. Und die Bildungspolitiker haben nun die Qual der Wahl: Schließen sie einzelne Hochschulen oder Institute, so kann der darob aufflammende Protest wertvolle Stimmen kosten. Kürzen sie dagegen pauschal überall ein wenig, so bleibt der Widerstand zwar schwach, irgendwann aber geht der Sparkurs an die Substanz des ganzen Systems.

Spaniens konservative Wissenschaftsministerin Esperanza Aguirre beispielsweise strich erst kürzlich die ohnehin kargen Mittel für die Hochschulen erneut zusammen. "Fußball erste Klasse, Bildung dritte Klasse", skandierten demonstrierende Jung-Akademiker Anfang April in Madrid.

Aguirres italienischer Kollege Luigi Berlinguer gibt sich immerhin reformwillig. Der Jura-Professor aus Siena möchte die Massen-Hochschulen in Mailand und Rom in kleinere Einheiten aufteilen, scheitert jedoch bislang an der Obstruktion der mächtigen Uni-Rektoren. So stehen den 42 000 Juristen an der Sapienza gerade mal 80 Professoren zur Verfügung. "Wenn du nicht genau weißt, was du willst, gehst du in der Masse unter", meint die Jura-Studentin Donatella Laura Grotto, 22, aus Rom.

Das Urteil der vom SPIEGEL befragten Studenten fällt denn auch in jenen Ländern besonders kritisch aus, die den Weg pauschaler Einsparungen gewählt haben. Dazu zählen sämtliche südeuropäischen Nationen sowie Frankreich und Österreich. In der Länderwertung ganz vorn rangieren dagegen Hochschulsysteme, die einer Radikalkur unterzogen wurden: Großbritannien und die Niederlande.

Die Universitäten beider Länder galten lange als reformunfähig, ihre Studenten als wenig motiviert. Mitte der achtziger Jahre jedoch brachte die britische Premierministerin Maggie Thatcher erste Reformen auf den Weg: London knüpfte die Finanzierung der Hochschulen an die in Rankings ermittelte Qualität von Forschung und Lehre. Ein brutaler, nicht immer gerechter und am Ende doch erfolgreicher Ausleseprozeß nahm seinen Lauf.

1986 bereits zog die sozialdemokratische Regierung in Den Haag nach, machte die Zuschüsse an die Hochschulen allerdings auch von der Nachfrage der Kunden abhängig: Hollands Unis bekommen mehr Geld, wenn sie mehr Studenten ausbilden. Zugleich aber müssen Hollands Studenten Studiengebühren von etwa 2500 Mark im Jahr entrichten, und die zahlen sie lieber dort, wo Hochschulen mit kurzen Studienzeiten locken - ein Verfahren also, in dem beide Seiten zur Leistung verdammt sind, Hochschulen wie Studenten.

Radikale Systemwechsel wie in Großbritannien oder den Niederlanden sind im deutschen Bildungs-Föderalismus kaum durchzusetzen. So blockieren die sozialdemokratisch regierten Bundesländer derzeit die von Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) vorgelegte Novelle des Hochschulrahmengesetzes allein deswegen, weil sie auf ein ausdrückliches Verbot von Studiengebühren verzichtet. Neue Kurzstudiengänge und Abschlüsse, wie etwa der Bachelor, sollte die Novelle an den deutschen Unis möglich machen - nun geht erst mal wieder gar nichts.

Dabei ist der Reformbedarf größer denn je. Deutsche Studenten haben so wenig Kontakt zu Professoren wie die Kommilitonen keines anderen Staates der Europäischen Union, mit Ausnahme Österreichs und Griechenlands. Laut SPIEGEL-Umfrage sprechen knapp die Hälfte der britischen Studenten mit ihren Dozenten mehrmals im Monat oder gar mehrmals in der Woche, selbst in Frankreich trifft das für ein Viertel der Befragten zu. In Deutschland bejahen diese Frage nur 16 Prozent.

Seit Jahren schon drängen sich auf den 900 000 Studienplätzen der Republik fast zwei Millionen Studenten. Trotz aller Warnungen vor überfüllten Hörsälen und Seminaren ziehen die meisten Studienanfänger immer noch in die besonders überlaufenen Hochschulen der attraktiven Großstädte.

"Hier muß sich jeder alleine durchkämpfen, viele Studenten sind völlig isoliert", klagt etwa der Kölner Germanistikstudent Christian Höfener, 22. Sein Fachbereich zeichne sich vor allem durch "schlechte Organisation und schlechte Beratung" aus. Zusammen mit den Kollegen aus Heidelberg und der Berliner Humboldt-Uni landen die Kölner Germanisten am Tabellenende der Euro-Rangliste für Sprachwissenschaften.

Auch bei den Ökonomen stehen drei deutsche Unis ganz hinten, nämlich München, Bonn und wiederum Köln, nur Barcelona kommt noch schlechter weg. "Viele Studierende", so berichtet die Münchner Asta-Chefin Juliane Gilles, 23, "sehen ihre Professoren frühestens im Hauptstudium von Angesicht zu Angesicht." Wer Tips für Hausarbeiten und Referate suche, erhalte von manchen Hochschullehrern nur "Beratungstermine im Fünf-Minuten-Takt".

Oft sei "nicht einmal klar, welcher Dozent wann und wo seine Sprechstunden hält", erzählt die Heidelberger Jura-Studentin Anja Schubert, 24. "Das bedeutet, man muß sich durchfragen, rumsuchen und mit der Sekretärin Termine ausmachen."

Solche Prozeduren haben abschreckende Wirkung. Selbst die bestehenden Angebote werden daher nicht regelmäßig wahrgenommen. "Ich bin immer baß erstaunt, daß so wenige Studenten in die Sprechstunden kommen", gesteht der Mannheimer BWL-Professor Martin Weber. Die Studierenden fragten offenbar eher bei den Assistenten um Rat. Dabei hätte Weber gern einen "stärkeren Bezug zur Basis".

Die Basis - das sind in Mannheim fast 5000 angehende Wirtschaftswissenschaftler. Die wachsende Entfremdung zwischen Lehrenden und Lernenden erklärt sich vielerorts schon mit der schieren Größe der Institute und Fakultäten. Studenten lernen nun einmal lieber - und wohl auch besser - in kleinen Einheiten.

Und diese Regel gilt europaweit. So genießt die insgesamt nur 5300 Studenten zählende Technische Universität Eindhoven in Holland inzwischen einen besseren Ruf als die altehrwürdige Konkurrenz in Delft (13 500 Studenten). Die Eindhovener Ingenieure haben es bis an die Spitze der Europa-Rangliste gebracht. Wer sich hier einschreibt, darf mit perfekten Bedingungen rechnen. Schon zur Begrüßung bekommt jeder Student einen Laptop geschenkt.

Dann aber dreht sich alles ums Büffeln und Pauken. "Hier heißt es immer: Ran, ran, ran!" berichtet der Maschinenbaustudent Roger Kroonen. "Die Belastung ist riesig." Um die Studienzeiten zu reduzieren, wurden die meisten Vorlesungen abgeschafft. Studiert wird vor allem in der sogenannten problemorientierten Gruppenarbeit. Da erhalten jeweils etwa acht angehende Ingenieure einen Entwurfsauftrag, den sie im Team und betreut von einem Tutor lösen müssen. Im Erfolgsfall bekommt jeder Teilnehmer Bonus-Punkte, die ihm im Examen angerechnet werden.

Roger Kroonen studiert seit 1994 in Eindhoven und steht kurz vor dem Abschluß. Sorgen um einen Arbeitsplatz muß er sich nicht machen: Auf fünf Maschinenbauer kommen in den Niederlanden derzeit acht Angebote aus der Industrie.

Deutsche Jung-Ingenieure haben allerdings ähnlich gute Chancen. Noch vor wenigen Jahren hatten Schreckensnachrichten vom Arbeitsmarkt viele Abiturienten in andere Fächer vertrieben. In Hannover etwa sank die Zahl der Studienanfänger in Maschinenbau von 530 (1989) auf 161 (1997). Nun suchen Personalchefs verzweifelt nach Uni-Absolventen, die Studenten hingegen studieren mancherorts wieder unter erträglichen Bedingungen.

Heinrich Kern, Maschinenbau-Professor an der thüringischen TU Ilmenau, hatte vor wenigen Wochen den Manager einer Firma für Beleuchtungstechnik zu Gast in der Hochschule. Kern: "Der hätte am liebsten hundert Absolventen gleich mitgenommen."

Die ehemalige Kaderschmiede für die technische Intelligenz der DDR rangiert im Europa-Ranking auf einem hervorragenden sechsten Platz. Etwa 90 Professoren und 300 weitere Wissenschaftler betreuen hier nur etwa 3500 Studenten - mit entsprechend großem Erfolg: 90 Prozent der Ilmenauer Absolventen schließen ihr Studium in der Regelstudienzeit ab.

"Hier kann man gar nichts anderes machen als studieren", spottet Kern. Aber die gute Quote erklärt sich nicht nur mit dem bescheidenen Freizeitwert Ilmenaus. Wie in vielen kleineren Hochschulen existiert auch hier noch so etwas wie Korpsgeist, eine Corporate identity, die den Studiosi den zuweilen tristen Studienalltag erträglich macht. "Wir sind höchstens 15 Leute in den Seminaren", berichtet der Elektrotechnik-Student Erik Mette, 24. "Der Kontakt zu den Profs ist ausgezeichnet."

In den Provinz-Hochschulen sind zudem Reformen möglich, die in den erstarrten Groß-Unis stets blockiert werden. Die Universität Passau etwa, sie belegt Platz zwei bei den Ökonomen und Platz fünf bei den Juristen, bietet ihren Studenten ein zweisprachiges Studium, um sie auf internationale Jobs vorzubereiten. "Eine Uni kann nicht mehr leisten, als hier geboten wird", schwärmt der frisch diplomierte Betriebswirt Jan Meurer, 26.

Auch die Universität Bayreuth - zusammen mit Passau auf Platz 2 bei den Ökonomen - wirbt mit besonders berufsnahen Studiengängen um Studenten. Wer will, kann sich hier zum Sportökonomen ausbilden lassen, also zum Manager von Sportvereinen oder -verbänden. Geplant sind zudem Abschlüsse in Gesundheitsökonomie und Wirtschaftsökologie.

Die erst 1970 gegründete Hochschule zählt zwar schon über 7000 Studenten, die aber sind voll des Lobes über ihre Professoren. Auch Fachschaftssprecherin Stefanie Braß attestiert den Dozenten ein "außergewöhnliches Engagement": Bei allzu großer Nachfrage würden zusätzliche Seminare eingerichtet, notfalls mal morgens um 7 Uhr.

Von der Anlage her erinnert Bayreuth an angelsächsische Campus-Universitäten. Viele Studenten leben in modernen Studentenheimen unmittelbar neben den Instituten - auch die Architektur stiftet ein starkes Gemeinschaftsgefühl, eine Qualität, die den meisten Großstadt-Unis fehlt.

Der Campus britischer Edel-Universitäten wie Cambridge oder Oxford besticht allerdings noch mit einer jahrhundertealten Patina. Wer hier die strengen Aufnahmeprüfungen überstanden hat, darf sich für den Rest seiner Tage zur akademischen Elite Großbritanniens rechnen.

An den beiden Hochschulen studieren inzwischen jeweils mehr als 11 000 Studenten. Da aber jeder von ihnen einem nur ein paar hundert Kommilitonen zählenden College angehört und intensiv durch einen Tutor betreut wird, bleibt das System überschaubar. Der Identifikation dienen zudem große Feste (und Saufgelage) sowie zahlreiche mehr oder weniger skurrile Rituale, wie etwa der für Studienanfänger in Oxford übliche Sprung in die Themse.

Dank ihrer hervorragenden Leistungen belegen britische Renommierhochschulen nur Spitzenplätze im Uni-Test Europa. Tony Blairs Finanzminister Gordon Brown läßt freilich nichts unversucht, um Oxford und Cambridge die Privilegien zu kappen. Tatsächlich können beide Universitäten ihre Ausbildungsqualität nur halten, weil ihnen überdurchschnittlich hohe Subventionen zufließen.

Noch ist der Kampf zwischen Labour und "Oxbridge" nicht entschieden. Die Gefahren einer wachsenden Kluft zwischen Elite-Unis und anderen Hochschulen können britische Politiker allerdings in Frankreich studieren: Während angesehene Universitäten wie die inzwischen in 13 Hochschulen aufgelöste Sorbonne verelenden, werden die Aufbaustudiengänge an den Grandes Ecoles fürstlich dotiert.

Die meisten Abiturienten studieren aber an den überfüllten Normal-Universitäten. Dringend notwendige Reparaturen werden dort seit Jahren vertagt. Im vergangenen Juli brach gar 40 Studenten an der Universität Grenoble I der Boden unter den Füßen weg: Das komplette Seminar stürzte drei Meter tief ins Erdgeschoß. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.

Solche Katastrophen seien das "Ergebnis einer Hochschulpolitik, die sich 40 Jahre lang um nichts gekümmert hat", kommentiert Pierre Villard, Präsident der Universität Paris V-René Descartes.

Villards Uni gehört nach einer Umfrage des "L'Express" zu den zehn gefährlichsten Hochschulen der französischen Hauptstadt. Die Elektroinstallation des bis in den letzten Winkel mit Apparaturen vollgestopften Gebäudes in der Nähe des Boulevard Saint-Michel wurde seit 1976 nicht mehr kontrolliert oder gar saniert. Wissenschaftler tüfteln und dozieren in feuchten Kellern, Kurzschlüsse und Stromausfälle sind an der Tagesordnung.

Ein paar hundert Meter weiter, an der Ecole normale supérieure (ENS) in der Rue d'Ulm, herrschen dagegen idyllische Verhältnisse. Die ENS präpariert in erster Linie Geistes- und Naturwissenschaftler für die akademische Laufbahn. Wer zu den 97 Glücklichen zählt, die jedes Jahr aufgenommen werden, kann sich über mangelnde Fürsorge nicht beklagen. Der französische Staat zahlt jedem ENS-Studenten gar ein Monatsgehalt von etwa 3000 Mark.

Die ENS gehört zu den mehr als 200 Grandes Ecoles, den kleinen Elite-Hochschulen Frankreichs, die erst nach einem zweijährigen Grundstudium und schärfsten Aufnahmeprüfungen besucht werden können und deswegen in der SPIEGEL-Rangliste nicht berücksichtigt wurden. An den Grande Ecoles studieren jeweils einige hundert Studenten, an den 13 Pariser Universitäten dagegen insgesamt rund 350 000.

Die Besten der Besten schließlich dürfen sich nach Abschluß von Universität oder Grande Ecole an der Ecole nationale d'administration (Ena) bewerben, der Kaderschmiede für Führungspositionen in Regierung und Industrie. Nur jeder zehnte Kandidat übersteht hier das Auswahlverfahren mit Erfolg. Die Ena-Absolventen haben die meisten lukrativen Posten in Staat und Gesellschaft im Griff, auch der sozialistische Premier Lionel Jospin und diverse Minister sind sogenannte Enarchen.

Ihr akademisches Zwei-Klassen-System hat die Grande Nation allerdings international auch nicht konkurrenzfähiger gemacht als andere, eher demokratische Bildungssysteme. Im Gegenteil: Der Verzicht auf eine breite akademische Führungsschicht, so urteilt der Freiburger Romanist Joseph Jurt, erschwere die "vertikale Mobilität" der Eliten, also einen Austausch nach den Kriterien von Erfolg und Mißerfolg.

Jospins Erziehungsminister Claude Allègre will nun zumindest das starke Leistungsgefälle zwischen Eliteschulen und Universitäten abbauen. Die Unis sollen in ihren Abschlüssen mit dreijährigen Bachelor- und fünfjährigen Master-Studiengängen an das angelsächsische System angepaßt, vor allem aber finanziell besser ausgestattet werden. Kein Franzose, so versprach Allègre, dürfe den Eindruck haben, "in einem Entwicklungsland zu leben".

Allègres Pläne werden gerade von den Enarchen als mehr oder minder versteckter Angriff auf ihre Privilegien verstanden. Und tatsächlich läßt sich der miserable Zustand der französischen Universitäten, die in der SPIEGEL-Rangliste mit einer Ausnahme nur im Mittelfeld und in der Abstiegszone landeten, wohl nur auf Kosten der Eliteschulen verbessern - wo sonst sollte das dafür notwendige Geld herkommen?

Universitätsreformer werden in Zukunft, wo auch immer in Europa, kaum auf zusätzliche Mittel hoffen dürfen. Mit der Währungsunion sehen sich die meisten Staaten ohnehin gezwungen, die Aufnahme neuer Schulden auf das unbedingt Notwendige zu beschränken, etwa zur Senkung der Arbeitslosigkeit.

Bildungsreform darf also nichts kosten. Und nach dieser Maxime handeln fast alle Staaten Europas. Im Zeichen des neoliberalen Zeitgeistes werden Hochschulen einer bisher einzigartigen Ökonomisierung unterworfen, einem Prozeß, der die Unis dem Humboldtschen Ideal von der zweckfreien Wissenschaft mehr und mehr entfremdet. Die Ausrichtung an Prinzipien wie Effizienz und Wirtschaftlichkeit folgt dabei Rezepten, die bereits an manchen Hochschulen erprobt wurden:

  • Universitäten sollten über Globalhaushalte verfügen. So gibt die Ministerialbürokratie in den Niederlanden nur noch einen Finanzrahmen vor und überläßt die Entscheidungen über Investitionen und Einsparungen den Hochschulen selbst. Auch in Nordrhein-Westfalen wird dieses Verfahren bereits praktiziert, Niedersachsen will jetzt folgen. Mehr Selbständigkeit, behauptet der hannoversche Wissenschaftsminister Thomas Oppermann (SPD), mache "die Hochschulen des Landes fit für den Wettbewerb".
  • Nicht jede Universität muß alles bieten, Kooperation und Konzentration lautet vielmehr die Devise. So wollen die sozialdemokratischen Bildungsminister in Saarbrücken und Mainz das Angebot ihrer Universitäten aufeinander abstimmen und Schwerpunkte setzen. Nach diesem Plan wäre das Saarland das erste Bundesland, das auf eine eigene Lehrerausbildung verzichtet - zugunsten von eher wirtschaftsnahen Fächern.
  • Der Profilierung würde auch eine freie Auswahl der Studenten durch die Hochschulen selbst dienen. Dieses Konzept, das in Großbritannien und den französischen Eliteschulen längst praktiziert wird, hat sich im übrigen Europa noch kaum durchgesetzt. In Baden-Württemberg dürfen die Universitäten inzwischen immerhin einen kleinen Anteil ihrer Studenten selber auswählen. "Wir sehen das sehr positiv", meint der Mannheimer BWL-Professor Weber. Er und seine Kollegen würden am liebsten alle Studienanfänger "aussuchen, weil wir glauben, daß wir dann noch bessere Studenten hierherbekommen".
  • Wer leistungsfähige Hochschulen will, muß auch Leistungskontrollen in Kauf nehmen, und zwar für Studenten und Professoren. In Großbritannien soll sich das Gehalt der Dozenten in Zukunft nach ihren Erfolgen in der Lehre bemessen. An der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich wurden sogar sechs Professoren entlassen, weil sie als Pädagogen versagt hatten. Und Österreichs Wissenschaftsminister Caspar Einem will als Studenten getarnte Unternehmensberater in die Vorlesungen schicken, um die Eignung der Dozenten zu überprüfen. Einem macht vor allem faule Professoren für die überlange Studiendauer in Österreich - im Durchschnitt 14 Semester - verantwortlich.
  • Von einer Senkung der Studienzeiten träumen Bildungspolitiker in fast allen Staaten Europas. Einige deutsche Bundesländer haben durch zusätzliche Prüfungsangebote ("Freischuß-Regelung") Jura-Studenten zum schnelleren Studieren bewogen. Größere Erfolge erzielten bislang aber nur die Holländer, indem sie die Finanzierung ihrer Universitäten an die Einhaltung der Regelstudienzeiten koppelten.
  • Der Reformeifer in den Niederlanden gilt ohnehin als vorbildlich. Schon 1972 kam es zur Einführung von Studiengebühren. Zwei Argumente vor allem sprechen dafür: Die Universitäten erschließen eine weitere Geldquelle. Und: Die Studenten entwickeln die Haltung kritischer Konsumenten. "Was nichts kostet, gilt nichts", sagt etwa der Berliner Wissenschaftssenator Peter Radunski.

Der Christdemokrat würde nur zu gern Studiengebühren auch in Deutschland einführen. Allein, bis auf den Parteifreund Klaus von Trotha in Stuttgart stehen die deutschen Wissenschaftsminister geschlossen gegen einen so radikalen Eingriff.

Die Sozialdemokraten fürchten einen neuen sozialen Numerus clausus an den Hochschulen, da nur Besserverdienende Gebühren zahlen könnten. Von Trotha hingegen sieht in dem herrschenden Modell, nach dem Universitäten allein aus Steuergeldern schöpfen, eine höchst ungerechte "Umverteilung von unten nach oben". Schließlich profitierten Akademiker später mit überdurchschnittlichen Gehältern von einer Ausbildung, die ihnen die Masse der Steuerzahler finanziert hätte.

Tatsächlich wird die Debatte um Studiengebühren in ganz Europa geführt. Neben den niederländischen Studenten müssen bereits die Kommilitonen in Italien, der Schweiz, Spanien, Portugal, Belgien und Großbritannien Gebühren entrichten.

Im Vereinigten Königreich mußten bislang nur schon graduierte Studenten zahlen. Die Regierung Blair verlangt jedoch ab Herbst dieses Jahres auch von den Kommilitonen, die nur bis zum Bachelor studieren wollen, Gebühren von etwa 3000 Mark pro Jahr. Blairs Vorbild ist das australische Modell: Der Obolus wird dort über Kredite finanziert, und die müssen erst zurückerstattet werden, wenn später eine Einkommensgrenze überschritten wird.

Trotz noch so großzügiger Regelungen dürften Studenten aus einkommensschwachen Familien von Studiengebühren jedoch eher abgeschreckt werden als besser Betuchte. Nur: Haben die Bildungspolitiker wirklich eine Wahl? Womöglich lassen sich die Universitäten noch ein paar Jahre auf Sparflamme finanzieren. Irgendwann aber, so argumentieren etwa Sozialdemokraten wie Peter Glotz oder der Berliner Historiker Heinrich August Winkler, kommen Studiengebühren in jedem Fall, auch in Deutschland.

Dann allerdings wird unter den Professoren ein merkwürdiger Sinneswandel eintreten: Studenten gelten plötzlich nicht mehr als lästige, sondern als gerngesehene Kunden des Unternehmens Hochschule, die für dessen Leistungen zahlen. Ja, je größer die Nachfrage ausfällt, desto attraktiver werden womöglich die Bedingungen des akademischen Betriebes.

Auch Studenten aus dem Ausland werden dann nach langer Zeit wieder in Deutschland willkommen sein - vorausgesetzt, daß die überhaupt noch wollen. Denn der Ansturm aus aller Welt konzentriert sich seit Jahren schon auf Unis in den USA - obwohl oder gerade weil dort Studiengebühren kassiert werden, und nicht zu knapp.


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DER SPIEGEL 19/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags


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