Studentisches Grußwort zur Jahresfeier der Ruperto Carola am 19.10.2002

Studentisches Grußwort zur Jahresfeier der Ruperto Carola am 19.10.2002

Meine Damen und Herren, verehrte Freunde und Förderer,

edle Gäste und Gönner der Universität, höchstgeehrte akademische Öffentlichkeit,

insbesondere liebe Mitstudierende!

Es freut mich als Studierender, heute hier zu stehen und zur traditionellen Jahresfeier der Universität einige Worte an Sie richten zu dürfen. Wobei in studentischen Kreisen tradiert wird, dass die Jahresfeier in dieser Form aus den Tagen des Rektorats Ulmer stammt. Aber über Alter redet man ja bekanntlich nicht, der schöne alte Talar Seiner Magnifizenz Hommelhoff beweist es.

Gewiss, eine Universität, welche aus ihr in die Zukunft gehen will, bedarf der Tradition. Aber welcher Tradition? Wissenschaftlichkeit hat mit Kritik und Selbstkritik zu tun. An einer Universität, als einem Ort der Wissenschaftlichkeit, ist es demzufolge gerechtfertigt, selbstkritisch zu fragen, in welcher Tradition ich hier und heute stehe.

In derjenigen reiner Lobreden und der bloßen Zierde sicher nicht. Vielmehr fühle ich mich dem kritischen, konstruktiven und dadurch lebendigen Geist verbunden.

Mit diesem Semester erhielt die Universität eine neue Fakultätenstruktur - weil es Fakultäten mit weniger als 20 Professuren nach dem Universitätsgesetz nicht mehr geben soll. Nun dienen diese neuen Fakultäten sozusagen dem alten Geist als neuer Körper. Und die nächsten Umwandlungen stehen ihm bereits bevor: In Form von Verwaltungsclustern auf Institutsebene.

Die Gefahr ist nun folgende: Kaum wird der Geist sich seiner neuen Gestalt bewusst, muss er schon die nächste Metamorphose über sich ergehen lassen, die wie von guter göttlicher Hand gelenkt, dem Körper weitere Veränderungen beschert.

In den "Metamorphosen" Ovids, einem Klassiker des neuerdings verstärkt zu rettenden Abendlandes, bleibt der Geist auch in der neuen Gestalt derselbe, die neue Gestalt erscheint sogar als der adäquate Ausdruck des inneren Seins. Wird es der Universität ebenso ergehen? Oder wird das, was sie im Innersten ausmacht, verstümmelt?

Zunächst einmal wird die Freude über die vielleicht nicht freiwillige Verschlankung des Körpers groß sein: Sekretariate und EDV-Einrichtungen mögen in mustergültiger Synergie von mehr Stellen genutzt werden als zuvor. Wucherungen einer aufgedunsenen Struktur mögen zurückgebildet werden - vielleicht kann dies den Geist, der Befreiung nötig hat, wirklich befreien.

Doch das ist keineswegs gewiss. Der Glättung der Gestalt folgt vielleicht die Verformung des Inneren. Phantasievolle Gedanken, die der Geist gerade in so genannten Orchideenfächern entwickeln mag, mögen von den Kräften der Metamorphose als Beiwerk, Zierrat, gar Plunder empfunden werden. So wird die Verwandlung zur Perversion: Wird der Körper nicht mehr nach dem Wesen des Geistes und den Forderungen seiner Umwelt gestaltet, so wird der Geist verstümmelt, allein um ihn in den neuen Körper zu pressen.

Damit das nicht geschieht, wollen wir als Studierende drei Wünsche äußern:

1. Wir wünschen uns Exzellenz in den Studien- und Prüfungsordnungen.

Eine Aneinanderreihung von Seminaren, Modulen oder was auch immer ist ebensowenig mit einem sinnvollen Studium gleich zu setzen wie ein Bündel von Scheinen. Studienordnungen müssen durchdacht sein: Qualität darf nicht mit bloßer Quantität verwechselt werden.

Was aber macht hier Exzellenz aus? Nicht nur der optimale Umgang mit Ressourcen, sondern vor allem das methodische und inhaltliche Verändern mit Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen. Sorgfältige Arbeit an Prüfungsordnungen kann nicht ersetzt werden durch bloßes Abnicken in unterschiedlichsten Gremien. Ebensowenig wie Streichungen die studentische dolce vita befördern, verbessern blindes Emporschrauben der Anforderungen und pauschales Festhalten an Traditionen die Qualität des Studiums. Man denke an das Latein: Wer hier unter der Doppelflagge des hohen Anspruches und der Geschwindigkeit der Entscheidung reflexartig für Beibehaltung stimmt, kann Schaden anrichten...

2. Wir wünschen uns Exzellenz im Lehrangebot

Es soll ausreichend sein - und es soll befähigen, die gestellten Anforderungen zu erfüllen.

Ein Tutorium muss über Schlüsselkompetenzen hinaus fachliche Grundlagen vermitteln, sinnvolle Examensvorbereitung muss die Repetitorien überflüssig machen.

Die didaktische Konzeption einer Veranstaltung dient nicht der Bequemlichkeit des Auditoriums, sondern erhöht deren Nutzen. Allerdings darf Didaktik nicht zum Selbstzweck verkommen, sie muss getragen werden von der Begeisterung der Lehrenden für ihr Fach - auch wenn sie die Vorlesung zum 10. Mal halten. Ein derart exzellentes Lehrangebot bedarf wirklich exzellenter Lehrkräfte. Sprich: Die Mischung macht´s!

3. Wir wünschen uns exzellente Vertretungsmöglichkeiten

Die Verfasste Studierendenschaft, die mit der Umsetzung des neuen HRG nun auch in Baden-Württemberg einzuführen ist, wird die Vertretungsmöglichkeiten der Studierenden stärken.

Allein, dies reicht nicht: Exzellenz beginnt in den Wurzeln - wenn sie ihrem Namen gerecht werden soll. Diese Wurzeln sind die Fachbereiche, daher muss die Mitwirkung dort anfangen. In Institutsbeiräten oder Lehrplankonferenzen müssen Angehörige aller Gruppen, nicht nur Ordinarien, aufeinander zugehen. Gerade wenn auf der höheren Ebene immer größere Einheiten geschaffen werden, kommen dort die entscheidenden Kleinigkeiten nicht mehr zur Sprache... Wer - meine Damen und Herren - tagt schon gerne 10 Stunden?

Dieses Auditorium sicherlich nicht.

Daher möchten wir es bei diesen Wünschen an die Universität belassen.

So mögen die Metamorphosen kommen!


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Druckfassung

Erzeugt am 20.10.2002

unimut@stura.uni-heidelberg.de